Wer die Diagnose Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa erhält, lernt schnell: Die Erkrankung verläuft nicht jeden Tag gleich. Sie verläuft in Phasen. In der Medizin wird hierbei von einem „chronisch-rezidivierenden“ (immer wiederkehrenden) Verlauf gesprochen. Für viele Betroffene fühlt sich dies oft an wie eine Achterbahnfahrt.
Zwei Begriffe fallen in der Arztpraxis und im Austausch mit anderen dabei besonders häufig: Schub und Remission. Doch was genau passiert in diesen Phasen im Körper? Woran lässt sich erkennen, dass ein Schub im Anmarsch ist? Und was bedeuten diese Phasen für den Alltag?
Der Schub: Wenn das Immunsystem überreagiert
Ein Schub bezeichnet die aktive Krankheitsphase. In dieser Zeit ist das Immunsystem fälschlicherweise alarmiert und greift die eigene Darmschleimhaut an. Es entsteht eine Entzündung, die dazu führt, dass der Darm seine normalen Aufgaben wie die Aufnahme von Nährstoffen und Wasser nicht mehr richtig erfüllen kann.
Ein Schub kommt selten wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern kündigt sich oft schleichend an. Bevor die typischen Darmsymptome auftreten, meldet sich häufig der restliche Körper. Viele Betroffene spüren zunächst eine bleierne Erschöpfung, die sogenannte Fatigue, die sich auch durch viel Schlaf nicht bessern lässt. Ebenso kann der Bauch spannen, empfindlicher als sonst sein und häufiger grummeln. Gelegentlich schmerzen Knie oder Sprunggelenke, bevor die Erkrankung im Darm richtig aktiv wird. Auch eine unerklärliche Gereiztheit, Stimmungsschwankungen oder innere Unruhe können frühe Warnsignale sein.
Wenn die Entzündung im Darm schließlich ausbricht, zeigen sich die charakteristischen Beschwerden der CED:
- Die Stuhlfrequenz steigt deutlich an und die Konsistenz wird zunehmend breiig bis wässrig.
- Es entsteht ein imperativer Stuhldrang, also das plötzliche und kaum kontrollierbare Gefühl, sofort auf die Toilette zu müssen.
- Ein sehr deutliches Warnsignal für eine echte Entzündung ist das nächtliche Erwachen aufgrund von Stuhldrang, da ein harmloser Reizdarm nachts meistens pausiert.
- Blutiger oder stark schleimiger Stuhl sind ein klares Alarmzeichen, das besonders bei der Colitis ulcerosa oder bei Morbus Crohn im Dickdarm auftritt.
- Krampfartige Bauchschmerzen treten häufig auf, wobei sie bei Morbus Crohn oft im rechten Unterbauch oder um den Bauchnabel herum lokalisiert sind, während sie bei Colitis ulcerosa eher linksseitig auftreten.
Darüber hinaus betrifft die Entzündung oft den gesamten Organismus. Es kann zu Fieber oder erhöhter Temperatur kommen, die oft von nächtlichem Schwitzen begleitet wird. Da die Nahrungsaufnahme Schmerzen bereitet und die Entzündung massiv Kalorien verbraucht, sind Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit keine Seltenheit. Durch den Blutverlust und die Entzündung entsteht zudem häufig ein Eisenmangel, der zu Blässe, Schwindel und Kurzatmigkeit führt.
Nicht jeder Tag mit Durchfall ist jedoch sofort ein neuer Schub, da der Darm auch auf Stress, ungewohntes Essen oder einen leichten Infekt reagiert. Eine gute Faustregel besagt, dass sich ein normaler Infekt meist nach wenigen Tagen bessert. Bleiben die Beschwerden länger bestehen, kommt Blut hinzu oder wird die Nachtruhe gestört, spricht vieles für einen Schub, was durch einen Anstieg der Entzündungswerte im Blut oder Stuhl ärztlich gesichert werden kann. Siehe hierzu: Einfach erklärt: CRP & Calprotectin
Die Remission: Die Ruhepause für den Darm
Das Wort Remission stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie nachlassen oder zurückgehen. In dieser Phase ruht die Erkrankung. Die Entzündung ist gestoppt oder so weit eingedämmt, dass sie keine Beschwerden mehr verursacht.
Dabei wird in der Medizin zwischen zwei Arten der Remission unterschieden. Die klinische Remission beschreibt das rein subjektive Empfinden, bei dem keine Schmerzen auftreten, der Stuhlgang normalisiert ist und der Alltag gut verläuft. Demgegenüber steht die endoskopische Remission, bei der sich bei einer Darmspiegelung zeigt, dass die Darmschleimhaut tatsächlich vollständig abgeheilt ist. Die Gefahr besteht darin, dass manchmal bereits völlige Beschwerdefreiheit herrscht, aber tief in der Darmwand die Entzündung noch leicht weiterschwelt. Ein eigenmächtiges Absetzen von Medikamenten kann in dieser trügerischen Phase schnell den nächsten Schub auslösen.
Was löst einen Schub aus?
Warum die Erkrankung plötzlich wieder ausbricht, ist wissenschaftlich noch nicht restlos geklärt. Es gibt jedoch typische Auslöser, die einen Schub begünstigen. Ein harmloser Magen-Darm-Virus fordert das Immunsystem heraus und kann die CED reaktivieren. Auch bestimmte Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac können Schübe auslösen, weshalb nach ärztlicher Rücksprache oft Paracetamol oder Novaminsulfon die besseren Alternativen sind. Zudem wirken sich chronischer Stress oder akute seelische Belastungen oftmals direkt auf den Darm aus. Der häufigste und am leichtesten vermeidbare Grund für einen Rückfall ist jedoch das eigenmächtige Absetzen der verordneten Medikation.
Praxis-Tipps für den Alltag
Wenn der Schub da ist oder sich anbahnt:
- Das Führen eines Tagebuchs über die Stuhlfrequenz, Schmerzen und Besonderheiten wie Blut hilft dem behandelnden Arzt enorm bei der genauen Einschätzung der Situation.
- Es empfiehlt sich, frühzeitig ärztlichen Rat einzuholen und nicht wochenlang zu warten, da sich eine früh behandelte Entzündung oft deutlich schneller eindämmen lässt.
- Eine zeitweise Umstellung auf Schonkost entlastet den Darm, wobei ein Verzicht auf Ballaststoffe, scharfe Gewürze und Kaffee ratsam ist und stattdessen milde Brühe, weißer Reis oder Haferschleim bevorzugt werden sollten.
- Stilles Wasser, milde Tees oder spezielle Elektrolytlösungen aus der Apotheke helfen dem Körper dabei, den Flüssigkeits- und Salzverlust durch die Durchfälle auszugleichen.
- Da ein Schub für den Körper Hochleistungssport bedeutet, sollten Ansprüche an sich selbst heruntergeschraubt und Termine ohne schlechtes Gewissen abgesagt werden, um dringend benötigte Ruhe zu finden.
In der Remission:
- Auch in beschwerdefreien Zeiten ist die Erhaltungstherapie nach ärztlicher Absprache unverzichtbar, da sie wie ein Schutzschild gegen den nächsten Schub wirkt.
- Die gute Phase kann wunderbar genutzt werden, um sich ausgewogen zu ernähren und eventuelle Mängel an Eisen oder Vitaminen ärztlich überprüfen und ausgleichen zu lassen.
- Belastungen des letzten Schubs sollten aktiv verarbeitet werden, wobei Hobbys, Entspannungstechniken oder moderater Sport sehr gut beim Stressabbau helfen.
- Die beschwerdefreien Tage eignen sich bestens, um das Notfall-Kit für unterwegs auf Vollständigkeit und die darin enthaltenen Medikamente auf ihr Haltbarkeitsdatum zu überprüfen.
Unterstützung durch die Selbsthilfegruppe Unabhängig davon, ob man sich gerade in einem schweren Schub befindet, erste Vorboten spürt oder in der Remission Erfahrungen austauschen möchte, bietet die SHG Morbus Crohn / Colitis Ulcerosa Oberberg e. V. einen geschützten Raum für Gespräche. Der Austausch mit anderen Betroffenen, die die Situation aus eigener Erfahrung kennen, ist oft eine unschätzbare Hilfe im Umgang mit der Erkrankung.

